Pilgern – Erfahrungsberichte 2019

29.06.2019 Walkenried

von Petra K.

Heute ist es also soweit. Treffen bei Heike, Weiterfahrt zum Bahnhof Vellmar und Warten auf den Zug. Im Gepäck viele Erwartungen, aber auch Bedenken. Wie wird es sein? Werden wir es wieder schaffen, auf dem Hülfensberg anzukommen?

Der Zug ist pünktlich. In Witzenhausen müssen wir umsteigen. Während der Bahnfahrt sehe ich die ersten bekannten Gesichter, Iris ist auch im Zug. Dann, beim Umsteigen in Nordhausen, sind wir schon eine größere Gruppe. Auch die Frauen aus dem Eichsfeld sind da. Wie schön, all die bekannten Gesichter zu sehen! Der letzte Umstieg ist geschafft. Dann endlich ist Walkenried erreicht. Vom Bahnhof laufen wir zur Unterkunft im evangelischen Gemeindehaus. Auch das Akkordeon ist dabei und wird abwechselnd weitergereicht. Doch wegen der vielen Baustellen machen wir eine kleine „Meditationsschleife“.

Endlich sind wir da. Ein Hallo von allen, die schon angekommen sind. Von überall aus dem Land kommen die 24 Pilger zusammen und wir freuen uns, wieder dabei zu sein. Ist das letzte Mal wirklich schon ein Jahr her? Um 16:00 Uhr beginnt die Vorstellungsrunde. Die meisten kenne ich bereits vom letzten Jahr, und bei der Gruppengröße werde ich auch die Namen der neuen schnell lernen. Die Aufgaben werden verteilt und oft von den Pilgern, die sie im letzten Jahr schon so gut gemacht haben, wieder übernommen. Sebastian, der Streckenmeister, erzählt uns von der Strecke, die uns morgen erwartet. Danach packen wir aus, was jeder mitgebracht hat, und teilen die mitgebrachten Köstlichkeiten untereinander. Die Ahle Rote Wurst findet Anklang.

Danach gibt es eine Führung durch die beeindruckenden Überreste des ehemaligen Zisterzienserklosters in Walkenried. Das Kloster war im 12. Jahrhundert gegründet worden. Während der Blütezeit lebten 80 Mönche und bis zu 180 Laienbrüder im Kloster. Die Klosterkirche wurde während der Bauernkriege im 16. Jahrhundert zerstört und diente u.a. als Steinbruch; die imposanten Reste laden heute noch zum Meditieren ein. Im wunderschönen Kreuzgang finden regelmäßig die Walkenrieder Kreuzgangkonzerte statt. Siglinde Haußecker, Kantorin der Gemeinde und Frau des Pfarrers, führt uns durch die Anlagen und zeigt uns auch den Kapitelsaal, der der ev. Gemeinde heute als Kirchenraum dient.

Jetzt werden die Betten für die Nacht vorbereitet, man hört das geschäftige Treiben der Mitpilger. Auf das Nachtgebet wird heute verzichtet, ab morgen dann werden wir alle wieder unseren gewohnten Tagesrhythmus haben und im Schweigen in die Nacht gehen. „Suche den Frieden und Jage Ihn nach“ ─ die letzten Gedanken gelten der Jahreslosung, die uns auf unserem Pilgerweg begleiten soll. Voller Freude auf den Weg, der vor uns liegt, schlafe ich ein.
Petra K.


30.06.2019 Walkenried – Bad Lauterberg

von Astrid Sch.

An unserem ersten Morgen werden wir von Peter und Michael mit wunderbar kräftigem Gesang geweckt. Gemeinsam frühstücken wir auf der Holzterrasse des Gemeindehauses in Walkenried bei aufgehender Sonne.

Michael spricht uns zu Beginn unseres Pilgerweges die Tageslosung zu: „Dem Herrn, eurem Gott, sollt ihr dienen. Ihr sollt nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“ (Matthäus 6,31-32)

Mit einem Lied bedanken wir uns für die freundliche Aufnahme bei dem Pfarrer von Walkenried und seiner Frau, die uns am Abend zuvor so eindrücklich die Geschichte und die Spuren des Klosters erklärt hatte. Dabei berührt uns das Banner am Pfarrhaus mit einem Spruch von Meister Eckhard:

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,
der bedeutendste Mensch immer der,
der dir gerade gegenübersteht,
und das notwendigste Werk immer die Liebe.

Nun geht es unter der Führung unseres Streckenmeisters Sebastian auf den Weg nach Bad Sachsa. Dort hält uns Pirka-Liisa passend zur Jahreslosung und dem Leitvers unseres Weges: „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“ eine Puncta zur Bedeutung des Suchens:
S – Wer sucht, hat Sehnsucht nach etwas
U – Wer sucht, ist in Unruhe
C – Wer sucht, hat die Chance, etwas zu finden und dabei Glück zu erleben
H – Wer sucht, hat Hoffnung – wer sucht, hat auch Hoffnung zu finden
E – Wer sucht, braucht Energie
N – Nur der, der sucht, wird auch finden.

Später am Tag halten wir dann mit Iris in Steina Gottesdienst auf einer sumpfigen, von Wildschweinen besuchten schattigen Wiese. Iris bringt uns die Geschichte Noahs aus der Perspektive seiner Frau Tikwa nahe. Sie zeigt: Gott selbst macht in seiner großen Liebe einen Bund des Friedens mit den Menschen.

Unser Weg endet an diesem heißen Sommertag in der schönen kühlen Holzkirche in Bad Lauterberg. Hier werden wir sehr herzlich von den Kirchenvorstehern begrüßt. Auch kommen an diesem Abend Margit und Bruder Rolf zu uns. Trotz einer Theateraufführung in der Gemeinde lassen es sich der Kirchenvorstand und andere Mitglieder der Gemeinde nicht nehmen, uns ganz umfassend mit Suppe, kühlen Getränken und Melone sowie Sagen aus alter Zeit und dem gemeinsamen Singen zu versorgen. Beschenkt von den vielen schönen Eindrücken und der Gastfreundschaft endet der Tag im glücklichen Schweigen.
Astrid Schiller


01.07.2019 Bad Lauterberg – Rhumspringe

von Manfred B.

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Nach dem reichhaltigen Frühstück feiern wir mit Claudia einen Abendmahlsgottesdienst in der schönen Holzkirche von Bad Lauterberg. Predigttext ist die Geschichte von David, Nabal und Abigail (1. Sam 25), die eine schauspielerisch hochbegabte Pilgerschar szenisch darstellt. War es doch mal wieder eine kluge Frau, die mit Geschick, Demut und ein wenig Koketterie Unheil bannte und Frieden stiftete.

In Königshütte, einem denkmalgeschützten Eisenhüttenwerk aus dem frühen 19. Jahrhundert, hält Peter eine Puncta zum Thema Frieden. „Herr gib uns deinen Frieden, gib uns deinen Frieden; gib uns deinen Frieden, Herr, gib uns deinen Frieden.“

Wir gehen weiter unseren Weg durch das Land von Oder und Lutter auf den Rotenberg zu einer Fluchtburg, wo sich der Sage nach König Heinrichs Vogelherd befunden hat. Eine geschichtsmächtige Landschaft, in der Wotan und andere germanische Gottheiten groß waren, bis vom Kloster Pöhlde aus die Christianisierung der Sachsen begann. In Pöhlde können wir eine 1000 jährige Linde bestaunen, von dem einst mächtigen Kloster aber war nichts mehr zu sehen.

Nach gut 25 km, leider oft auf asphaltierten Wegen, und einer etwas verworrenen Tagesstruktur ohne Bibel-Teilen und Rosenkranz, bringen uns unsere drei Streckenmeister zur Rhumequelle und weiter nach Rhumspringe in die Gemeinde St. Sebastian. Ein großzügiger Bau, Kirche und Pfarrheim, aus den 70er Jahren, als die Kirche noch Geld und viele Mitglieder hatte. Aber heutzutage sind die Sorgen überall gleich, die die Gemeinden uns als Anliegen für unsere Gebete mit auf den Weg geben: Was wird aus der Gemeinde, die mit vielen anderen zu einer Pfarrei neuen Typs verbunden wird? Hier in St. Sebastian wird der bisherige Pfarrer demnächst versetzt, ein indischer Priester wird vorübergehend die Gemeinde leiten. Und dann…?

Und dann essen wir leckere Nudeln mit Hühnerbrust und Lasagne. Der Abend ist schön und warm und so tauschen wir uns über den Evangelischen Kirchentag in Dortmund aus. Heike blies dort mit ihrer Posaune und Carina verkaufte an einem Sea Watch-Stand Taschen, die aus Schwimmwesten von Flüchtlingen genäht worden waren. Die beiden waren die einzigen begeisterten Kirchentagsbesucher, von unseren ev. Pfarrern war niemand dort.

Nach dem Nachtgebet suchen alle ihren Schlafplatz auf. Trotz Handy-Fastens muss ich noch eine Glückwunsch-SMS an meine Tochter Rachel senden: Sie hat heute ihren 28. Geburtstag!


02.07.2019 Rhumspringe – Duderstadt

von Manfred B.

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Da heute ein Marienfesttag ist (Mariä Heimsuchung – eine etwas befremdliche Wortwahl für den Besuch der schwangeren Maria bei ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabet; Luk 1, 39-56) wird das nächtliche Schweigen mit einem Marienlied, dem Magnificat, beendet. Die Heilige Messe hält heute Bruder Rolf. Es ist gut, dass er wieder mit uns pilgern kann, und es ist schön zu sehen, wie gelöst und fröhlich er ist. Seine Krebserkrankung ist gestoppt, dank ärztlicher Hilfe und vieler Gebete, die auch die Pilger für ihn gesprochen haben. So hat der Herrgott ihm noch weitere Zeit geschenkt, als fröhlicher Arbeiter in seinem Weinberg tätig zu sein. Deo gratias!

Bruder Rolf spricht über den Heiligen Franziskus, der 1219 im Lager des christlichen Kreuzfahrerheeres in Damiette, Ägypten, war. Ganz in der Nähe war das Heerlager des ägyptischen Sultans al Malik. Ihn wollte Franziskus zum Frieden bewegen, vielleicht ihn auch bekehren. So kam es, dass ein mit Geist erfüllter Mann ohne eigene Waffen, nur angetan mit dem Schild des Glaubens, die Kampflinien überquerte, um ein Treffen mit dem Sultan zu fordern, von diesem mit Gnade empfangen wurde, dessen Gastfreundschaft genoss und wohlbehalten nach Hause zurückkehren konnte. Franziskus war zutiefst berührt von dieser Begegnung, und er schrieb in die Ordensregel, dass die Franziskaner unter die Muslime gehen und ihnen untertan und dienstbar sein sollen. Gleiches empfahl er auch für den Umgang mit Christen. Erst dann, wenn sie erkennen, dass Gott es will, sollen sie das Evangelium verkünden.

„Rede nicht von deinem Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe deinen Glauben so, dass du gefragt wirst.“ Schritte zum Frieden sind möglich: Auf den Feind zugehen, sanftmütig; nach Gemeinsamkeiten suchen, nicht nach Trennendem. Frieden stiften. „Selig, die Frieden stiften: denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9)

Ein neuer – alter – Mitpilger wird begrüßt: Helmut Heiland. Und auf geht‘s, hinaus aus Rhumspringe, bis Jutta ihre Puncta hält. Sie erzählt von der Wüstenmutter Philomena und ihren Übungen zur Stille: „Wenn du gehst, lass los, was hinter dir ist; lass sein, was vor dir ist; Gottes Liebe spurt in deinen Füßen.“ Wir erfahren Gott in der Stille über unseren Körper. „Lass dich bewegen von Gottes Liebesspur in deinen Füßen. Haben deine Füße ver-standen? Hat dein Herz ver-standen?“ „Lass deinen Mund stille sein, dann spricht dein Herz. Lass dein Herz stille sein, dann spricht Gott.“

Im Schweigen gehen wir durch eine schöne Landschaft, goldene Felder, Wiesen, schattiger Wald bis zur Mittagsrast an einem wunderbaren Ort: der Franz-von-Assisi-Kapelle, in der Tierfilmer Heinz Sielmann mit seiner Frau Inge begraben liegt. Weit kann man schauen von dieser Anhöhe, bis zum Brocken und nach Duderstadt. Hier machen wir auch Bibel-Teilen, heute mit den Seligpreisungen (Mt. 5, 3-12). Das ganze Areal gehört zur Heinz-Sielmann-Stiftung, die Kapelle, der liebevoll angelegte Hügel, die Natur-Erlebnispfade und ein großes Natur-Erlebnis-Zentrum, das wir passieren auf unserem Weg nach Duderstadt.

Dort sind wir zu Gast bei der St. Servatius-Gemeinde. Die Pfarrerin begrüßt uns herzlich und ein herrlich großer Pfarrhausgarten mit vielen lauschigen Fleckchen lässt manche(n) das Lager im Freien aufschlagen. Leckere Kartoffelsuppe mit Würstchen sättigt die ausgemergelte Pilgerschar.

Ich mache noch einen kleinen Bummel durch Duderstadt mit seinen vielen Fachwerkhäusern, dem prächtigen Rathaus, das von einstigem Reichtum zeugt, und den beiden großen Kirchen, der evangelischen St. Servatiuskirche und der katholischen Basilika St. Cyriakus. Und nach dem Abendgebet heißt es „alsdann flugs und fröhlich geschlafen“.


03.07.2019 Duderstadt – Worbis

von Jutta R.

Um 8 Uhr am Morgen brechen wir unter der Führung unseres kundigen Streckenmeisters Helmut Heiland vom evangelischen Gemeindehaus im niedersächsischen Duderstadt (Untereichsfeld) zu unserem Ziel Worbis im thüringischen Obereichsfeld auf. Helmut motiviert uns mit den Worten: „Im Gegensatz zum Wandern verläuft man sich nicht beim Pilgern, man dreht höchstens Meditationsschleifen“.

Flankiert von wunderschönen Fachwerkhäusern und dem Tabalugahaus erreichen wir die katholische Basilika St. Cyriakus, die wir kurz besichtigen und in der gerade ein Schulchor probt.

Unser nächstes Ziel ist Wehnde in Thüringen mit der evangelischen Kirche St. Ursula. Diesen Weg gingen bereits um 1800 die evangelischen Christen sonntags, um in Wehnde Gottesdienst zu feiern, da damals beide Kirchen in Duderstadt katholisch geweiht waren.

3 km hinter Duderstadt passieren wir das West-Östliche Tor. Zwei in die Höhe ragende Eichenstämme erinnern an die ehemalige innerdeutsche Grenze, die bis Oktober 1989 als Eiserner Vorhang Deutschland in West und Ost teilte. Eingerahmt werden sie von 66 Roteichen. Zur Einweihung war sogar der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow zu Besuch. Unsere Eichsfelder Mitpilger/innen singen an diesem Gedenkort das Eichsfeldlied, das ich das erste Mal höre.

Hier verläuft auch das Grüne Band Deutschlands. Der 1393 km lange Geländestreifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist der größte Biotopverbund Deutschlands und erstreckt sich von Travemünde an der Ostsee bis zum Dreiländereck bei Hof. Außerdem ist es Bestandteil des Grünen Bandes Europas, das aus einem Biotopverbund von 12500 km Länge von Griechenland bis Nordnorwegen besteht.

An diesem geschichtswürdigen Ort hält Margit die Puncta mit Bibliolog zu Johannes 14, 15-31 („Die erste Abschiedsrede Jesu: Fortgang und neues Kommen“). Sie gibt uns einige Fragen zum Weiterdenken auf dem Weg nach Wehnde, den wir zunächst im Schweigen und dann weiter zu zweit wie die Emmausjünger im Austausch über das im Bibliolog an persönlicher Erfahrung (weißes Feuer) Erlebte zurücklegen.

In der Kirche von Wehnde feiern wir Abendmahlsgottesdienst. Michael predigt zu Genesis 4, dem Brudermord von Kain an Abel.

Nach dem Gottesdienst halten wir unsere wohlverdiente Mittagspause auf dem Spielplatz von Wehnde. Von hier aus begleitet uns Pfarrer Manfred Gerland als Mitpilger für den Rest des Tages bis Worbis. Nach der Mittagspause in Wehnde haben wir einen Höhenunterschied von 200 m bis auf 533 m im Ohmgebirge zu bewältigen. Hier machen wir Pause mit Bibelteilen zu dem im Gottesdienst gehörten Bibeltext zu Kains Brudermord.

Unser nächstes Ziel ist die mittelalterliche Burg Bodenstein mit einem wunderschönen Burghof, die heute als ev. Familienerholungs- und Begegnungsstätte dient. Wir können noch einen kurzen Blick in die Burgkapelle werfen, bevor dort ein Abschiedsgottesdienst für Kindergartenkinder gefeiert wird.

Nach einer Meditationsschleife erreichen wir über das Dorf Wintzigerode gegen 17 Uhr die katholische Kirche in Worbis. Das letzte Stück des Weges hat sich nach meinem Empfinden endlos in die Länge gezogen. Das katholische Hugo-Aufderbeck-Haus ist an diesem Tag unser Übernachtungsquartier. Vor dem Abendessen erzählt Pfarrer Gerland von der derzeitigen Situation in Germerode und informiert uns, dass er am 2.2.2020 in den Ruhestand verabschiedet wird.

Nach dem Abendessen findet noch eine Chorprobe des Kirchenchores Worbis in den Räumen des Gemeindehauses statt, an der sogar zwei sangesfreudige Pilgerschwestern teilnehmen. Anschließend lassen wir in geselliger Runde mit dem Kirchenchor den Abend ausklingen und feiern Bergfest der Pilgertour. Danach fallen fast alle todmüde auf ihre Schlafmatten.


04.07.2019 Worbis – Dingelstädt

von Ulrike A.

5.30 Uhr, Hugo-Aufderbeck-Haus, Worbis: Wecken. Frischer, kühler Morgen.
6.30 Uhr: Frühstück. „Ein neuer Tag beginnt, und ich freu mich …“
8.00 Uhr: Aufbruch

8.40 Uhr: Reiterhof Siegfriederode: Puncta. Manfred Backhaus stellt uns die Aktion Sühnezeichen und deren Gründer Lothar Kreyssig (1898-1986) vor. Dessen Idee: Es gibt so wenig Frieden, weil es zu wenig Versöhnung gibt. Deshalb ist es notwendig, Zeichen der Versöhnung zu setzen und entsprechend zu handeln. Lothar Kreyssig kritisierte das Stuttgarter Schuldbekenntnis der Ev. Kirche von 1945, weil es kein Wort zum Holocaust enthielt und die Verbrechen der Deutschen nur sehr allgemein benannte. In Aufrufen an die evangelischen Kirchen sprach er sich dafür aus, konkrete Zeichen der Versöhnung in denjenigen Ländern zu setzen, die von den Verbrechen der Deutschen besonders betroffen waren: in Polen, in der Sowjetunion, in Israel. 1958 gründete er die Aktion Sühnezeichen, die Freiwilligendienste in diesen Ländern als Friedenszeichen verstand und mit der Bitte um Vergebung verband. Das erste Projekt, ein Bauprojekt, entstand 1959/60 in Norwegen, danach bauten Freiwillige der Aktion Sühnezeichen die Versöhnungskirche in Taize/Frankreich und ein Begegnungszentrum in Coventry/England. Auf unseren Weg im Schweigen gibt uns Manfred folgende Fragen mit: Wo habe ich mich schuldig gemacht? Wen soll ich um Versöhnung bitten? Wer ist an mir schuldig geworden? Wie begegne ich dieser Person?

Unterwegs: merkwürdiger Kontrast zwischen der A 38 rechts und den Feldern links / Wärme der Sonne und frische Kühle der Luft gleichzeitig auf der Haut / Schweigen und Gehen; Gehen und Schweigen …

9.45 Uhr, Josefsklüschen kurz vor Breitenholz: Das Schweigen wird gebrochen. Das Josefsklüschen wurde 1935 von Josef Kullmann, einem Vorfahren von Elfi, errichtet.
10.15 Uhr, Kirche Breitenholz: Angelusgebet, Lied „Maria, breit den Mantel aus…“

Unterwegs: Sturz von Ulrike auf wurzelreichem Waldweg
13.35 Uhr: Ankunft in Schloss Reifenstein, Mittagspause in wunderschön angelegtem Barockgarten
14.00 Uhr: Aufbruch
Kurz danach: Sturz von Gudrun auf abschüssiger Straße

14.10 Uhr, Eselsquelle hinter Schloss Reifenstein: Gottesdienst mit Fußwaschung. Iris zeigt in ihrer Predigt, dass eine Fußwaschung das sonst übliche Herrschaftsgefälle von oben und unten überwindet und uns so auf den Weg des Friedens bringt. Im Wasser der Quelle waschen wir uns gegenseitig die Füße und ruhen ein wenig aus.
15.30 Uhr: Aufbruch

Unterwegs: Weg durch hohes Gras und Gestrüpp, dann am Bahndamm entlang (hoffentlich kommt kein Zug!), dann auf einem schönen Waldpfad hinunter nach Dingelstädt

17.30 Uhr, Familienzentrum Kloster Kerbscher Berg: Ankunft und Begrüßung in der Kirche durch Pfr. Müller. Hier befand sich um 800 bereits eine Martinskirche, dann, seit 1862, ein Franziskanerkloster.
18.30 Uhr: Abendessen mit Grillbüfett: lecker!
20.00 Uhr: Manfred gibt für Interessierte noch zusätzliche Informationen zu Lothar Kreyssig und zur Aktion Sühnezeichen.
21.00 Uhr: Nachtgebet in der Kirche, anschließend eucharistische Nachtanbetung.

Aufbrechen, unterwegs sein, einen Schritt vor den andern setzen, singen und beten, reden und schweigen, rasten und ruhen, einen Schritt vor den andern setzen, den Atem spüren, ankommen – es tut gut, sich diesen Rhythmen zu überlassen!


06.07.2019 Struth – Hülfensberg

von Heike Sch.

Am Morgen unseres letzten „Lauftages“ wache ich sehr ausgeruht auf. Gestern hatte mir ein Mitglied der
Kirchengemeinde Struth ein Reisebett angeboten. Dieses habe ich dankbar angenommen, ist meiner Matratze doch im Laufe des Weges die Luft ausgegangen. Und so war ich über dieses Angebot mehr als erfreut.

Koffer packen, frühstücken und die Vorratsdosen und Wasserflaschen befüllen ─ nach einer Woche geht dies schnell von der Hand, sodass wir bis zum Start noch genügend Zeit haben, um unter Anleitung von Bruder Rolf vor dem St. Josef Haus ein wenig Morgengymnastik zu betreiben.

Dann geht es los Richtung Rodeberg, einem alten Wallfahrtsort. Dort stand auf einem Hügel bis zum 18. Jahrhundert eine Kapelle, die bis zu 600 Gläubige zu Andacht und Gebet rief. Heute erinnert ein Bildstock mit der heiligen Anna, Maria und dem Jesuskind an diese Zeit. Ein sehr schöner Ort für eine Puncta. Diese hält Gudrun für uns:

Frieden mit sich selbst machen. Sich selbst nicht immer nur kritisieren, sondern auch die eigenen Talente und guten Eigenschaften sehen. Wie schwer ist das. Eigenlob stinkt! Sind wir nicht alle mit diesem Satz aufgewachsen? Und so ist die Aufgabe, mit der sie uns in die Stille schickt, nicht so leicht zu bewältigen: Finde drei Dinge an dir, die du besonders gut kannst! Im Austausch nach der Stille bemerken viele von uns, wie schwer es fällt, Positives an uns selbst auszusprechen. Es tut gut, zu erfahren, dass man damit nicht allein ist.

Nun geht es durch den Wald bergab und schnell kommt unser nächstes Etappenziel in Sicht: Zella, ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert, welches seit 1948 als Altenwohnheim der Diakonie genutzt wird. Ein wunderschöner Ort mit einer ehrwürdigen Kirche im Mittelpunkt. Den Gottesdienst in der ehemaligen Klosterkirche feiert Bruder Rolf mit uns. Danach gibt es noch eine kurze Pause an einem Springbrunnen, umgeben von Rosen in einem kleinen Park im Klosterhof.

Danach geht es wieder ein kurzes Stück durch den Wald Richtung Lengenfeld unterm Stein. Von einem Aussichtspunkt haben wir einen traumhaften Blick auf den Ort mit seinem bekannten Viadukt der Kanonenbahn. Hier können wir auch einen ersten Blick auf unser Ziel, den Hülfensberg, erhaschen.

An den Schienen der Kanonenbahn angekommen, kommt wie auf Bestellung die Draisinenbahn vorbei. Fröhliches Winken und dann geht es weiter über das Viadukt. Dass dies nicht ganz legal ist, bemerken wir erst auf der anderen Seite. Dort ist ein Schild angebracht: Betreten der Brücke verboten! Am Vereinsheim der Eisenbahnfreunde halten wir unsere Mittagspause. Jeder Platz zwischen den Schienen wird für ein Schläfchen genutzt ─ ein sehr schönes Bild.

Die Kanonenbahn ist ein beliebter Ort für Junggesellenabschiede. Schon kurz nach dem Weitergehen kommen uns junge Männer mit Bierflaschen in der Hand und den entsprechenden T-Shirts entgegen. Bruder Rolf kennt natürlich einige von ihnen und so gibt es ein großes Hallo, vor allem bei dem zukünftigen Bräutigam Dominique. Dieser begrüßt Rolf mit den Worten: „Hey, Dich kenn ich doch. Hast Du sonst nicht `ne Kutte an?“ Mit viel Gelächter geht es weiter nach Geismar.

Hier beginnt der Kreuzweg, hoch auf den Hülfensberg. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel von dem, was heute in der Welt geschieht, in diesen alten Bildern zu finden ist.

Und dann: Angekommen! In der Kirche dem Gehülfen für den Schutz auf dem Weg danken, einen Schlafplatz suchen, die Aussicht genießen, durchatmen und einfach nur da sein. Wir sind da!

Nach einem Abendessen mit Linsensuppe und Würsten und Pilgereis gib es unsere Abschlussrunde. Wie war es, wie geht es euch, was können wie besser machen? Die Küche und den Fahrdienst müssen wir neu bedenken, aber sonst hat es allen gefallen.

Bis zum Segensgottesdienst haben wir noch etwas Zeit. Ein kleines Grüppchen nutzt die Gelegenheit, die Strecke für 2020 zu planen. Nach dem Pilgern ist vor dem Pilgern!

Der Gottesdienst ist wie jedes Jahr wieder etwas ganz Besonderes. Ein Segen nur für mich! Ich kann meine Sorgen und Ängste frei aussprechen und bekomme kein „Stell dich nicht so an!“, sondern Trost und Zuspruch zu hören. Das tut einfach gut und nimmt mir ein wenig von meiner Last ab. Kein Wunder, wenn da die eine oder andere Träne fließt.

In fröhlicher Runde lassen wir den Abend zu Ende gehen und allen ist klar: Wie sehen uns nächstes Jahr wieder ─ so Gott will und wir leben.