Ökumenischer Pilgerweg Nordhessen/Eichsfeld 2022


 

Mittwoch, den 27.7.22: Spangenberg nach Reichenbach

von Martina

Unser dritter Pilgertag beginnt wie gewohnt nach reichhaltigem Frühstück um 8.00 Uhr in der Frühe. Bernd Lauterbach wird uns nun zwei Tage als Streckenführer begleiten. Für Ulrike und Cordula ist es heute der erste Pilgertag, da die Beiden später angereist sind.
Thomas berichtet zu Beginn unseres Weges zum Morgengebet von Wüstenvätern, Menschen, die oft als Einsiedler in die Wüste gegangen sind, um sich ganz und gar von Gott finden zu lassen.
Danach starten wir unseren Weg durch die waldreiche, hügelige Landschaft.
Der geistliche Impuls, die „Puncta“, wird von Ulrike zum Thema „Selig sind die Friedensstiften“ gestaltet. Ist im Blick auf den Ukrainekrieg gewaltloser Widerstand vorstellbar? Sind Waffengewalt und Aufrüsten die Konsequenz? Unserem Gott können wir unsere Klage und unser Schreien sowie unsere Hilflosigkeit und Ohnmacht hinhalten.  Im Psalm 61 heißt es: „Höre, oh Gott, mein Schweigen, achte auf mein Gebet.“  Im Schweigen werden wir nun eingeladen über eine persönliche Klage oder der Anklage nachzudenken.
Nach einem recht steilen Anstieg erreichen wir die Burg Reichenbach. Ein schöner Platz mit Tischen und Bänken erwartet uns, sehr gut geeignet für unsere Mittagspause.
Thomas teilt zum Mittagsimpuls „Weisheitsworte“ der Wüstenväter mit uns, die uns neue Zugänge zum Leben in Christus ermöglichen sollen. Zum Beispiel: „Liebe ist, sich um Menschen zu sorgen, die einen verletzen“ oder „Reinheit ist das unerschütterliche Bewusstsein von Gottes Nähe“.
Danach besteht noch der Wunsch, sich über persönliche Gedanken der Klage, auszutauschen.
Gestärkt an Körper und Seele setzen wir unseren Pilgerweg fort. Bernd führt uns weiter durch wunderschöne Waldwege. Singend ziehen wir in den Ort Reichenbach und in die Klosterkirche ein.
Nachdem wir unsere Quartiere bezogen haben, starten wir mit dem Bibel-Teilen.
Es geht heute um die Textstelle Mt 8,1-4 Von der Heilung eines Aussätzigen. Der Austausch findet wieder in zwei Gruppen unter freiem Himmel statt.
Danach erleben wir eine ausführliche Klosterführung samt der benachbarten Ausgrabungsstätte.
Frauke und Heike haben uns zum Abendbrot ein leckeres Nudelgericht gezaubert. Danke dafürJ
Nach dem Abendessen treffen wir uns zur Befindlichkeitsrunde. Es besteht die Möglichkeit mitzuteilen, wie es uns geht, was wir uns vielleicht noch wünschen, was uns fehlt. Da unsere Gruppe aus neuen und alten Teilnehmern und LeiterInnen besteht, ist diese Runde wichtig, um offen über unerfüllte Erwartungen zu sprechen, Situationen zu klären.
Der Abend schließt mit einer Gottesdienstfeier mit Abendmahl in der Klosterkirche. Ich freue mich, dass auch unser Streckenführer mit seiner Frau an unserer Gottesdienstfeier teilnimmt.
Ein sonniger, abwechslungsreicher Tag endet. In der Nacht können wir bei dem ein oder anderem Schlafgeräusch mehr oder weniger Schlaf finden J. Danke an alle für den schönen Tag….

Martina


 

Donnerstag, 28. Juli 2022: Reichenbach-Germerode

von Ulrike

Gestärkt durch ein reichhaltiges Frühstück brechen wir auf und laufen durch eine schöne Landschaft, über Wiesen und durch Wald, nach Hasselbach, einem kleinen Dorf an der neu erbauten Autobahn. Im Ortskern, an der Bushaltestelle, berichtet Michael von der documenta fifteen, die zurzeit in Kassel gezeigt wird. Als begeisterter Besitzer einer Dauerkarte erzählt er von den Anfängen dieser Ausstellung für modere Kunst im Jahr 1955, von dem Projekt der „Stadtverwaldung“, das Joseph Beuys begonnen hatte, aber auch von den Diskussionen rund um die Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber dem Kollektiv Ruangrupa aus Indonesien, das als Kuratorium die künstlerische Ausrichtung der documenta verantwortet. Er betont die politischen Akzente der Ausstellung, die die Situation des „globalen Südens“ herausstellen und überhaupt Kunst und Alltag zusammenbringen will.

Wir gehen weiter im Schweigen. „Make friends, not art!“ – dieses Motto der Künstler-Kollektive der documenta könne das Motto unseres Pilgerweges sein, sagt Michael, als wir das Schweigen brechen. Sind wir nicht so etwas wie ein documenta-Kunstwerk?, fragt er augenzwinkernd. Über den steil empor führenden Grimmsteig, einen schmalen Pfad, der von Steinen gesäumt wird,  steigen wir den Meißner hinauf. Oben auf etwa 600 Metern angekommen, an den Seesteinen, einem aus mächtigen Basaltgesteinen bestehenden Naturdenkmal, beten wir gemeinsam das Angelus-Gebet, essen die mitgebrachten Brote und ruhen uns aus. Im anschließenden Bibelteilen zu Mt. 6,19ff werden wir mit Jesu radikaler Aufforderung „Sorget nicht!“ konfrontiert. Wie können wir uns dieser Herausforderung stellen, wie können wir die Sorgen loslassen und zu Gelassenheit finden?

Dann beginnt ein abenteuerlicher Abstieg, wieder auf schmalen Pfaden, hinab zum Bergwildpark und weiter zum Kloster Germerode. Bernd Lautenbach lotst uns gut über den Meißner. In der Tagungsstätte erwarten uns schon Kaffee und Kuchen, die Frauke den Pilgern spendiert – denn heute feiern wir Bergfest! Auch das Abendessen ist köstlich; Reis, Grillgemüse und vegetarische Bällchen wurden von einem kreativen Koch aus dem Nachbarort Vierbach liebevoll zubereitet. Zum Nachtisch gibt es ein selbstgekochtes Apfelmus, das Anita und Renate aus Äpfeln aus dem Reichenbacher Pfarrgarten zubereitet haben. Und was bei keinem Bergfest fehlen darf, ist die karnevalistische Darbietung der Geschichte von Adam und Eva durch Bruder Rolf. Herrlich!

Der Abendgottesdienst in der romanischen Klosterkirche wird von Frauke gehalten. Sie deutet in ihrer Predigt noch einmal den Text des Bibelteilens. Jesus sagt nicht: Macht euch keine Sorgen!, sondern er fragt uns: Was bestimmt dein Leben? Die Sorge oder das Vertrauen? Wer nach Sicherheit für sein Leben greift, der greift ins Leere, denn Sicherheit ist eine Illusion. „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern.“ (Martin Luther). Wenn wir nach dem Reich Gottes suchen, werden andere Sorgen leichter. Es kommt uns entgegen und blitzt immer dann auf, wenn Menschen sich aufmachen und Gottes Verheißungen Vertrauen schenken.

Ulrike


 

Freitag, den 29.8.2022: Germerode-Jestädt

Wir brechen um 8.15 auf und verlassen Kloster Germerode und den Ort Germerode vorbei an verblühten Mohnwiesen und Apfelbäumen.
Gegen 9:20 sind wir in Abterode, wo wir eine ehemalige jüdische Synagoge besichtigen, die circa um 1600 erbaut wurde.
Einstmals gab es 250-350 Gemeindemitglieder. Der gesamte Werra-Meißner-Kreis hatte 14 jüdische Gemeinden. Durch den Nationalsozialismus wurde das jüdische Leben ganz ausgelöscht.
Die Synagoge ist heute ein Museum und Mahnmal und Lern- und Gedenkort jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis. www.synagoge-abterode.de

Mich haben der Besuch und die Erläuterungen von Dr. Martin Arnold sehr beeindruckt.
Nach unserem Besuch in der Synagoge verlassen wir Abterode und kommen zum Wanderparkplatz Grube Gustav. Hier beginnt unser Schweigeweg entlang der Berka im Höllental. Ein sehr schönes Tal.

In Nedderborn machen wir kurz Halt und beenden das Schweigen. Entlang unseres weiteren Weges kommen wir an unzähligen Brombeersträuchern vorbei, die zum Naschen verleiten und das Tempo etwas drosseln. Wir machen eine ausgiebige Mittagspause, teils draußen vor der Radkirche teils auf Kirchenbänken. Die Radkirche in Albungen ist täglich geöffnet und wird gut angenommen.

Der Nachmittag ist sehr heiß und man wünscht sich Regen herbei. Wir teilen uns in drei Gruppen auf, und gehen teils mit dem Herzensgebet, teils mit dem Rosenkranz oder im Schweigen. Der Weg führt uns linker Hand an ehemaligen Weinbergen und Felsformationen vorbei. Die Natur am Wegesrand lechzt nach Wasser. Alles ist so trocken. Die Bäume werfen die ersten Blätter ab.

Am späten Nachmittag erreichen wir Jestädt und freuen uns auf eine Erfrischung und richten unsere Schlafquartiere ein. Nach dem üppigen Nachtessen, halten wir gemeinsam Abendandacht. Das heutige Thema „Vom Richten Mt. 7,1-5 „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden.“

Danach begeben wir uns zu einer sehr frühen Nachtruhe. Und endlich gegen 23.00 Uhr höre ich Regen und gehe nochmals nach draußen, um zu sehen, dass ich mich nicht geirrt habe. Natur und Mensch atmen auf.

Anita


 

Samstag, den 30.8.2022: Jestädt-Hülfensberg

„Eine Frau trat hinzu, wohl eine aus dem Volk. Näherte sich dem Geschundenen. Der war voller Blut und Schweiß. Die Frau nahm ein Tuch und legte es ihm – ganz vorsichtig – auf das Gesicht, er stöhnte …“

Es war, als wären wir mit dabei, wir Pilger damals, als Jesus zum Kreuz geführt wurde. Unser Mitpilger Rolf, der Franziskanermönch, gestaltete das letzte Stück unseres Ökumenischen Pilgerweges als Kreuzweg: So dramatisch, so plastisch, dass wir uns ins Jerusalem von vor 2000 Jahren zurückversetzt fühlten. Bei den besonders tragischen, schmerzlichen Stellen der Passion Christi standen einigen von uns Tränen in den Augen, so sehr fühlten sie mit.

Dann das Ende: die vierzehnte Station. Wir blickten zum Bildstock auf, sahen wie der Leichnam Jesu in die Grabhöhle gelegt wurde. Das Leiden hatte ein Ende. Wir beteten, wie wir an allen Stationen gebetet hatten und schlossen auch Menschen von heute mit in das Gebet ein.

Schließlich das „Amen“ und nur noch ein paar Schritte: Endlich waren wir oben auf dem Hülfensberg vor dem Franziskanerkloster. Müde und stolz zugleich. Wir hatten es geschafft. Die ganze Strecke von Imshausen bis hierher. Zu Fuß! Was für Eindrücke! Was für intensive Begegnungen! Was für unterschiedliche Landschaften und Orte lagen nun hinter uns.

Ein freundlicher Mitbruder von unserm Mitpilger Rolf, ein Franziskaner in seiner braunen Kutte, begrüßte uns herzlich und führte uns in die altehrwürdige Kirche. Wir staunten über das Bild des gekreuzigten Jesus. Über tausend Jahre sei es alt, meinte Rolf. „So wie Ihr haben hier schon viele PilgerInnen gestanden. Über die Jahrhunderte hinweg“. Der noch recht junge Bruder von Rolf lenkte unseren Blick auf das Gesicht des Gekreuzigten mit dem Hinweis: je weiter man nach rechts schaut, desto freundlicher lächelt der Nazarener.

Doch wir sahen nur noch halb hin, zu sehr sehnten wir uns nach einer Dusche, Trinken, Essen und Ausruhen. Dazu wurden wir in den Gästebereich des Klosters geführt und waren schnell wieder bei Kräften. In frischen Klamotten, geföhnt und trocken trafen wir uns im „Pilgersaal“ des Klosters.

Gar nicht trocken war es an diesem Samstag losgegangen. Bei strömenden Regen waren wir in Jestädt losgezogen. Trotzdem gut gelaunt, auch weil überraschend Manfred Gerland in Begleitung eines Freundes aufgetaucht war. Mit ihm zusammen schwelgten wir in Erinnerungen an viele Jahre des gemeinsamen Pilgerns.

„Irgendwann muss es doch aufhören zu regen“, hofften wir – zunächst vergeblich. Der Regen wollte nicht aufhören. Phasenweise hatten wir Wasser von allen Seiten: Zur linken der Werratalsee, zur Rechten die Werra, von unten die Pfützen und von oben weiter die Regentropfen.

Zur Puncta stellten wir uns unter eine Brücke. Anita gab uns Anteil an der Trauer um ihren Mann. Nicht zuletzt das Pilgern habe ihr geholfen. „Die Vergangenheit in Erinnerung behalten, um die Zukunft zu leben“. Das gab sie uns mit auf den Weg.

Die Mittagspause legten wir in einem Gemeindehaus ein, in dem ein Klavier zum Spielen einlud. Manfreds Freund griff beherzt in die Tasten und riss uns all mit. Von der „Schwäbschen Eisenbahn“ bis nach „Madagaskar“ führten uns die Lieder, die wir lauthals mitsangen. Danach wurde es stiller: Die Bergpredigt warnte uns davor, unser Haus auf Sand zu bauen. Wir kamen ins Grübeln.

Endlich hörte der Regen auf. Unser Weg verlief noch eine Weile in der Ebene, bis er steil nach oben führte und uns alles abverlangte. Auf halber Höhe, an der Grenzhütte des Eichsfeldes, kam es zum musikalischen Höhepunkt unseres Weges, an dem die stolzen eingeborenen Eichsfelderinnen ihre Hymne voller Inbrunst schmetterten: das Eichsfeldlied. Wir anderen staunten nicht schlecht, vor allem über das „herr-liche“ Lob der treuen Gattin, die ihre „Händchen betend faltet“.

So gestärkt schafften wir den Rest des Weges fast locker. Mehr oder weniger Schweiß vergossen wir trotzdem, bevor wir am Fuße des Hülfensberges ankamen, und Bruder Rolf – wie gesagt – uns einlud, das Leiden Christi zu bedenken.

Knut